4.2 Ausländerbilder im Fernsehen

Sind alle Türken Machos? Klar, sieht man ja im Fernsehen: "Die Männer bestimmen halt, wie die Frau alles machen muss und so was", findet die 13-jährige Jana. Und der ein Jahr ältere Jörg ist der Meinung, "die wollen 'ne Frau für eine Nacht, denen ist eine Beziehung scheißegal". Viele, die dieses Einstellung vertreten, haben in ihrem Alltag wenig oder gar nichts mit Menschen ausländischer Herkunft zu tun, sie kennen sie nur vom Hörensagen oder aus den Medien. Das bestätigt die zwölfjährige Katja, die feststellt: "Wenn ich in Talkshows mal so Machos sehe, dann sind es meistens Türken oder türkischer Abstammung." Dass Katja mit ihrer Beobachtung leider recht hat, bestätigt eine wissenschaftliche Studie, in der der Einfluss des Fernsehens auf die Ausländerbilder von 9- bis 14-jährigen Kindern und Jugendlichen untersucht wurde. Es zeigte sich, dass im Nachmittags- und Vorabendprogramm, nämlich in Daily Talks, Gerichtsshows und Boulevardmagazinen, vor allem zwei Typen von Ausländern gezeigt werden: der "südländische Macho" und der "kriminelle Ausländer ".

Beispiel 1: Der türkische Macho – die Daily Talks
In den Daily Talks dominiert der südländische "Macho". Auch wenn dies nicht immer ein Türke ist, wird er von den Heranwachsenden primär als Türke wahrgenommen. Ihnen fallen alle Ingredienzien der Inszenierung des "türkischen Machos" ins Auge. Das Aussehen wird als "gestylt" beschrieben: mit Gel in den Haaren, mit Schmuck behangen und in trendiger Kleidung. Das Verhalten – das durch die Inszenierung noch einmal besonders herausgestellt wird, indem beispielsweise das Publikum aufgefordert ist, auf die selbstherrlichen Sprüche der Protagonisten zu reagieren, was in der Regel zu Buh-Rufen führt – wird von den Heranwachsenden als großkotzig bewertet. Adressaten des großspurigen Verhaltens der "Machos" sind in der Regel Frauen, die von ihnen als bloße Sexualobjekte angesehen werden – dies wird auch von den Kindern und Jugendlichen registriert. Alle Mädchen und Jungen, die den Türken einseitig als "Macho" bezeichnen, beziehen sich auf die Quelle Daily Talks.

Beispiel 2: Der türkische Verbrecher – die Gerichtsshows
In den Gerichtsshows dominiert als krimineller Ausländer der Türke – sowohl in der Darbietung als auch in der Wahrnehmung der Kinder. Weiterhin, aber seltener, werden Fälle von ausländischen Frauen als Opfer von Männern sowie von Ausländern unterschiedlicher Nationalität als Opfer von Neonazis geschildert. Verhandlungen über Gewalttaten von Neonazis beeindrucken die Kinder und Jugendlichen stark, obwohl sie – wie die Programmanalyse zeigt – im Gesamt der Gerichtsshows nur selten vorkommen. Alle Bestandteile der Inszenierung, insbesondere in der Darstellung des türkischen Verbrechers, hinterlassen in der Wahrnehmung der Kinder eindeutige Spuren. Die Stereotype des Türkenbildes der Daily Talks werden gesteigert. Im Gegensatz zu den Daily Talks beherrschen Türken in Gerichtsshows die deutsche Sprache schlecht und präsentieren sich als Glaubensfanatiker. Ihre Handlungen beschränken sich nicht mehr auf verbales Männlichkeitsgebaren, sondern werden zu physischen Gewalthandlungen gesteigert. Der Unterdrücker der Frau wird hier zum Vergewaltiger. Das Ausländerbild als Konglomerat von Vorurteilen wird durch die Gerichtsshows besonders gefördert.

Für Kinder und Jugendliche ist das Fernsehen eine wichtige Orientierungsquelle, auch wenn es um die Entwicklung von Menschenbildern, und dazu gehören auch Bilder von Menschen anderer Herkunft, geht. Allerdings werden sie hier schlecht bedient. Klischees und Vorurteile werden ihnen als Realität verkauft. Was ihnen wirklich weiterhelfen würde, drückt die 14-jährige Cora so aus: "Also wirklich mal so die Hintergründe erklären in so einem "taff", warum die Ausländer zu uns nach Deutschland kommen."


Infobox

Literatur

Bernd Schorb u.a. (2003): Was guckst du, was denkst du? Der Einfluss des Fernsehens auf das Ausländerbild von Kindern und Jugendlichen. ULR-Schriftenreihe, Band 22. Kiel