3.1 Kinder und Jugendliche haben ein breites Gewaltverständnis

Was Kinder und Jugendliche unter medialer Gewalt verstehen, ist sehr unterschiedlich und hängt mit ihrem realen Gewaltverständnis zusammen, ihrem Alter und Geschlecht und dem sozialen Anregungsmilieu:
Ausgangspunkt für ihr mediales Gewaltverständnis ist ihr realer Gewaltbegriff, der mit den eigenen Gewalterfahrungen verbunden ist. Mit zunehmendem Alter der Mädchen und Jungen entwickeln sich ihre medienbezogenen Verstehensfähigkeiten und damit wird auch ihr Verständnis von medialer Gewalt differenzierter. Geschlechtstypische Auffälligkeiten bleiben jedoch über lange Zeit erhalten. So werden diffizilere Gewaltformen wie z.B. psychische Gewalt von Mädchen früher erkannt als von Jungen und negativ bewertet. Mit Beginn des Jugendalters reagieren aber auch Jungen zunehmend sensibel auf diese Form von Gewalt.

Wie breit der kindliche Gewaltbegriff angelegt ist, machen folgende Zitate deutlich:

"... wenn sich manche prügeln oder wenn einer was falsch macht, dass der andere dann Gewalt anwendet, so mit Treten, Hauen, Zuschlagen" (Pamela, 10 Jahre)
"... wenn Leute zusammen kämpfen oder wenn sie sich weh tun" (Lisa, 10 Jahre)
"... Ausländerhass, das ist Gewalt, oder die Nazis ... also die Asylheime, dass die da Brand veranstalten" (Semra, 11 Jahre)
"... wenn man einem den Arm bricht und einem die Kehle durchschneidet und so. Platzwunden ist keine Gewalt ... wird einmal genäht und dann ist es fertig" (Benjamin, 11 Jahre)
"... wenn so einer jemand so totschlägt. ... wenn Kinder Misshandlungen kriegen, dann find ich das doof ... weil du dich nicht wehren, reinhauen kannst"
(Jörg, 11 Jahre)
"Schlagen, ... mit einer Granate einen Fuß wegschießen, mit einer Panzerfaust ein Haus zerstören, wenn man jemand erschießt, wenn man jemand zwingt oder jemand zu einer Schlucht runterwirft" (Fabian, 7 Jahre)
"... dass man da mit Waffen kämpft, Panzerfaust, und so Panzer, Pistolen, Maschinengewehr, wenn jemand umgebracht wird, das ist für mich Gewalt." Wenn "man aber nicht tot ist", dann ist das "Halbgewalt" (Mark, 9 Jahre)

Was Kinder unter Gewalt verstehen, reicht von physischer Gewaltanwendung mit Körperkraft und Waffen bis hin zu psychischer Gewalt. Die Unterschiede können jedoch beachtlich sein, wie die Zitate zeigen. Während für die einen der "Ausländerhass" zweifellos Gewalt ist, ist es für andere lediglich "Halbgewalt", wenn bei einer kämpferischen Auseinandersetzung niemand getötet wird.

Was aber bei allen Kindern beobachtet werden kann, ist der Blick auf die Opfer der Gewaltanwendung: Wenn jemandem "weh getan wird", wenn jemand Schaden erleidet, dann verbinden Kinder das mit Gewalt.