5.1 Die Orientierungsfunktion von Medien

Mit dem Schulalter beginnt für Kinder ein neuer Lebensabschnitt, der von der zunehmenden Erweiterung sozialer Räume geprägt ist. Das Zuhause und das unmittelbare Netz der Kleinkinderzeit verlieren an Bedeutung, erste selbstständige Schritte in die weitere Umgebung werden gewagt. Kinder sind in diesem Alter besonders neugierig, versuchen einen eigenen Weg in die "Welt" zu finden und sich darin eine Position zu erobern. Verbunden sind damit Fragen nach der eigenen Identität, nach gültigen normativen Vorgaben, nach sozialen und nach den geschlechtsspezifischen Rollen. Anregungen und Antworten auf diese Fragen werden in ihrer sozialen Umgebung gesucht, aber auch die Medien werden zur Orientierung herangezogen. Vor allem das Fernsehen, ihr liebstes Medium, hat einiges zu bieten: Es erlaubt einen Blick in unbekannte Welten, präsentiert fremde Menschen und Charaktere mit neuen Eigenschaften und Verhaltensweisen. Hier finden sie mithin eine breite Palette von Möglichkeiten, ihre eigenen Erfahrungen und Erlebnisse zu überprüfen, ihr eigenes Verhalten und das von Personen ihrer Umgebung zu vergleichen. Sie finden zudem neue, ihnen bisher unbekannte Verhaltensmuster, Werte und Normen; auch deren Tauglichkeit schätzen sie ein.
Die wichtigsten Bereiche, nach denen Kinder in den Angeboten des Fernsehens - aber auch in anderen Medien - Ausschau halten, systematisiert dieses Schaubild:




Erstens suchen Kinder Anregungen für den Umgang mit entwicklungsbedingten Themen. Diese hängen vor allem mit dem Großwerden zusammen, zum Beispiel mit zunehmenden Anforderungen an Selbstständigkeit, Rationalität und Kontrolle von Emotionen. Und sie betreffen die Ausformung von Geschlechterrollen, also die Frage, wie Mädchen und Jungen, Männer und Frauen aussehen und sich verhalten.
Beispiel: Der 6-jährige Kai ist er jüngste von drei Geschwistern. Er fühlt sich von den "Großen" oft ungerecht behandelt, regelrecht unterdrückt. Kais Thema, sich in der Familiengemeinschaft zu behaupten, findet eine Entsprechung in seinen Fernsehvorlieben: Er liebt kämpferische Helden von Zeichentrickserien wie ‚Batman', der sich von nichts und niemanden ins Bockshorn jagen lässt.

Zweitens erhoffen sich Kinder Hinweise für die Bewältigung aktueller Problemlagen. Diese resultieren aus den Lebenssituationen und sind entsprechend von Kind zu Kind verschieden. Sie können sich zum Beispiel aus familiären Problemen ergeben, oder mit der Gleichaltrigengruppe zusammenhängen, mit Schwierigkeiten in der Schule, mit Freundschaften u.ä.m.
Beispiel: Lisa (9 Jahre) hat Probleme in der Schule. Sie fühlt sich von ihren Mitschülerinnen ausgegrenzt und weiß nicht, wie sie sich verhalten soll. In Soaps wie "Marienhof" oder "Verbotene Liebe" sucht sie nach Hinweisen darauf, wie man bei Gleichaltrigen auftritt und aus dem Außenseiterdasein herauskommen kann.

Drittens suchen Kinder Anregungen für die Ausformung ethisch-normativer Orientierung. Oft in Zusammenhang mit entwicklungsbedingten und aktuellen Themen sind Kinder dabei, ihr Werte- und Normengefüge zu komplettieren. Die Fragen, die sich ihnen stellen, richten sich beispielsweise nach dem Umgang mit Konflikten, oder die Durchsetzung eigener Interessen oder auch auf Verhaltensweisen gegenüber Menschen und Situationen, die ihnen fremd sind.
Beispiel: Nadine (12) schaut sich im Fernsehen am liebsten Spielfilme an. Ihr aktueller Lieblingsfilm ist "Gilbert Grape". Sie schwärmt für den Schauspieler Johnny Depp, der die Titelrolle spielt. Vor allem ist sie fasziniert wie Gilbert sich um seinen behinderten kleinen Bruder kümmert. Das Engagement für andere Menschen ist ein Thema, das Nadine gerade besonders bewegt.

Viertens halten Kinder Ausschau nach personalen Vorbildern, denen sie nacheifern können. Die Suche erstreckt sich auf äußere Merkmale wie Aussehen, Outfit und Lebensstil, aber auch auf Eigenschaften und Verhaltensweisen.
Beispiel: Für den 7-jährigen Hannes ist Bart Simpson der Größte. Die Zeichentrickfigur ist frech, clever und ziemlich schlecht in der Schule. Trotzdem lässt sich Bart nicht unterkriegen und hat immer einen flotten Spruch auf den Lippen. So schlagfertig, gewitzt und "cool" wäre Hannes auch gern.