5.2 Das Fernsehen als Orientierungsquelle für Heranwachsende

Kinder und Jugendliche werden im Prozess des Heranwachsens mit vielfältigen Problemen und Fragen konfrontiert: Wie kann ich mich in einer Gemeinschaft behaupten? Wie verhalte ich mich im Freundeskreis, um Anerkennung zu finden? Welche Erwartungen sind mit meiner zukünftigen Rolle als Frau oder Mann verbunden?
Zur Beantwortung dieser und ähnlicher Fragen wird auch das Fernsehen als wichtige Informations- und Orientierungsquelle herangezogen. Das Spektrum, das die Heranwachsenden nach Brauchbarem abklopfen ist groß: Es reicht von expliziten Kinder- und Jugendsendungen wie "Bravo TV" (RTLII), "Kummerkasten" (KI.KA) oder "Dr.MagLove" (KI.KA) bis hin zu Sendungen des sogenannten Affektfernsehens. Darunter sind Talkshows, Reality-Soaps, Gerichtshows, Reality-TV und Ähnliches zu verstehen. Je nach Genre stehen unterschiedliche Lebensbereiche und Themen im Mittelpunkt. Reality-TV-Sendungen wie "Notruf" (RTL) oder "Aktenzeichen XY" (ZDF) dienen beispielsweise manchen Eltern dazu, ihren Kindern durch abschreckende Beispiele die Gefahren des Alltags in Form von Kriminalität und Unfallrisiken nahe zu bringen. Die Dramatisierung von Alltagsgefahren kann bei Heranwachsenden allerdings zu Verunsicherung und zu fragwürdigen Vorstellungen über die sie umgebende Umwelt beitragen.
Bei den Heranwachsenden selbst stehen eher Fragen des sozialen Miteinander im Zentrum ihrer Aufmerksamkeit. Besonders wenn Jugendliche oder junge Erwachsene gezeigt werden, die sich mit Alltagsthemen- und Problemen auseinander setzen, ist das Interesse von Mädchen und Jungen vor dem Bildschirm groß. Der Aspekt Liebe und Partnerschaft bewegt viele Heranwachsende ab etwa 11/12 Jahren besonders. Der 12-jährige Stefan etwa begründet seine Vorliebe für die Datingshow "Dismissed" (MTV) mit einer konkreten Erwartungshaltung: „Weil du da was lernen kannst von den Männern und Frauen. Wie man mit Frauen umgehen kann und so.“ Dass sich Heranwachsende ausgerechnet an Sendungen wie "Dismissed" orientieren, ist aus pädagogischer Sicht problematisch: Das Frauen- und Männerbild ist gekennzeichnet durch Oberflächlichkeit und die Reduzierung auf Äußerlichkeiten. Mit zunehmendem Alter sehen die befragten Kinder Sendungen wie "Dismissed" allerdings distanzierter: „Was für schwachsinnige Sachen die angeben, wieso die den gut finden und den nicht. Das ist immer total unrealistisch“, kritisiert die 15-jährige Daniela.
Pädagogisch angemessen gehen Sendungen wie "Dr.MagLove" oder "Kummerkasten" (beide KI.KA) mit dem Themenfeld Liebe, Sex und Partnerschaft um. Eine Studie des Lehrstuhls für Medienpädagogik und Weiterbildung der Universität Leipzig zur Sendung "Kummerkasten" zeigte, dass Kinder spezielle Beratungsangebote für ihre Zielgruppe durchaus wahrnehmen und zur Orientierungssuche aktiv nutzen. Es hat sich aber auch gezeigt, dass sie kritisch mit solchen Angeboten umgehen und hohe Qualitätsansprüche anmelden. Die Darstellungsformen solcher Sendungen müssen altersangemessen sein, die Themen ernsthaft und glaubwürdig vermittelt werden.

Wie alltagsrelevant aktuelle Fernsehangebote im Leben von Heranwachsenden sind, belegen auch die Ergebnisse einer FLIMMO-Kinderbefragung aus dem Jahr 2004, die sich mit Reality- und Castingshows beschäftigt hat:

„Immerhin fast die Hälfte der Kinder glaubt, bei diesen Sendungen etwas fürs „echte Leben“ lernen zu können: Die Vorstellung, selbst ein Star werden zu können, kommt bei den Castingshows (z.B. "Deutschland sucht den Superstar") zum Tragen, bei den Realityshows ("Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!") sind es vor allem Teamgeist und der Mut zum Risiko, die als relevant fürs eigene Leben geltend gemacht werden. Auch die eigene Teilnahme an solchen Shows liegt für diese Kinder im Bereich des Möglichen.
Reality- und Castingshows bieten Heranwachsenden eine Reihe an Identifikationsmöglichkeiten, die aber z.B. ihrem Streben nach Durchsetzungsvermögen und dem Wunsch, anerkannt und beliebt zu sein, fragwürdige Vorlagen bieten. Manche Mädchen und Jungen nehmen die in solchen Sendungen präsentierten Vorstellungen für bare Münze und die Gefahr besteht, dass sie auch in der Realität Gewicht erlangen, wenn diese Vorstellungen in ihrem sozialen Umfeld (in der Familie, Schule etc.) nicht entsprechend korrigiert werden.“